Als Marlo alles über den Kopf wuchs

In der Schule fiel es Marlo, damals neun Jahre, immer schwerer, sich zu konzentrieren. Immer häufiger bekam er das Gefühl: »Ich schaffe das alles nicht!« Er litt unter Kopf- und Bauchschmerzen, lag abends weinend im Bett und wollte morgens nicht mehr in die Schule gehen. Ohne Grund machte er sich Sorgen, dass er und seine Mutter obdachlos werden und kein Zuhause mehr haben könnten. »Ich bin immer für dich da«, versicherte seine Mutter, doch ihre Worte erreichten und beruhigten ihn nicht. Als Marlo auch noch anfing, in der Schule andere Kinder zu schubsen oder ein Bein zu stellen, schrillten bei seiner Mutter unüberhörbar die »Alarmglocken«. Ihr Marlo, zu Hause der liebste und hilfsbereiteste Junge, triezte in der Schule die anderen? Da lief etwas gründlich schief.

Stephanie Walther suchte professionelle Hilfe. Eine Empfehlung führte sie in die Sprechstunde der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Cornelia Metge in Zschopau. »Frau Metge ist jemand für unsere Sorgen«, erklärte die Mutter ihrem Sohn. »Mit ihr kannst du über deine Ängste sprechen.« »Ängste und Sorgen zu besiegen, ist ein bisschen wie Bergsteigen. Es ist anstrengend und dauert eine Weile«, erklärte die Psychotherapeutin. »Lass uns Wanderungen auf den Berg unternehmen«, schlug sie vor, »es lohnt sich«. »Gemeinsam schaffen wir das.« Seine Sorgen seien dadurch nicht »schnipp« vorbei, aber sie könnten kleiner werden. Auf den Wanderungen könnten sie auch stehenbleiben, um wieder Luft zu holen, wenn sie aus der Puste kämen. Von weiter oben käme aber auch der Gipfel in Sicht. Gemeinsam überlegte Marlo mit seiner Therapeutin, was es heißen könnte, den Gipfel eines Tages zu erreichen. Seine Ziele für die Wanderungen lauteten schließlich: »Ich mache mir weniger Sorgen um Mama. Ich bin nicht gleich traurig, wenn etwas nicht klappt.« Die Pläne machten Marlo Mut, sich mit der Therapeutin auf den Weg zu machen. Er habe ein »warmes Gefühl«, wenn er in der Therapie sei, erzählte er seiner Mutter. Auch die Mutter sprach immer wieder mit Marlo über seine Ängste und Sorgen und unterstützte damit die Psychotherapie.

Marlo war die Welt über den Kopf gewachsen. Ständig befürchtete er, etwas nicht zu schaffen, immer mehr zog er sich zurück, ging nicht mehr aus dem Haus und verlor sich in Computerspielen. In seinen niedergeschlagenen Momenten fühlte er sich sehr verloren und einsam und dachte: »Ist doch besser, wenn ich gar nicht mehr da bin.« Seine Gefühle für sich und seine Fähigkeiten waren stark zusammengeschrumpft. Die Psychotherapeutin ergänzte die Einzelgespräche mit einer Gruppentherapie. Zusammen mit fünf anderen Kindern lernte er, wieder einfach da zu sein und sich als angenommen zu erleben.

Mit seinen Ängsten und Sorgen war er plötzlich nicht mehr allein. Auch andere Kinder befürchteten, in der Schule nicht zu genügen, zu versagen oder nicht gemocht zu werden.

Es half, sich mit anderen auszutauschen, ihnen zu sagen, was einem selbst wichtig war. Und dann zuzuhören, was die anderen dachten und wollten. Unterschiede, lernte Marlo, bedeuteten nicht gleich Streit oder Ablehnung. Mich mag sowieso niemand, hatte Marlo bisher viel zu schnell gedacht, wenn andere ihm widersprachen, und deshalb gar nicht mehr gewagt zu sagen, was ihm wichtig war. Durch die gemeinsamen Gespräche in der Gruppe fühlte sich Marlo nicht mehr so ohnmächtig und überflüssig. 

Ein gravierender Verlust blieb, der vielleicht auch erklärte, warum Marlo Angst hatte, obdachlos zu werden. Papa und Mama hatten sich getrennt. Der Papa hatte die Familie verlassen und nicht mehr an seine Geburtstage oder Weihnachten gedacht. Als dann die Mutter einen neuen Partner fand, musste sich Marlo neu zurechtfinden. Er fragte sich, ob die Mama nicht seinen Papa verrät, wenn sie jetzt mit einem neuen Partner zusammenlebt. Gemeinsam mit der Psychotherapeutin malte er ein Bild, auf dem alle drauf waren: die Mama, der alte Papa, der neue Papa und Marlo. Marlo lernte, dass jede Person einen Platz in seinem Leben hat, vorausgesetzt er selbst möchte das. Und was noch wichtiger war, er konnte beeinflussen, wieviel Platz er den verschiedenen Menschen einräumen möchte. Seine Stimme, seine Gefühle zählten. Er musste nicht immer Rücksicht auf die Erwachsenen nehmen und es allen recht machen. Ich darf auch den neuen Papa mögen«, entdeckte Marlo und machte ihn zum »Herzpapa«. Der alte Papa blieb der »Bauchpapa«. 

Computerspiele blieben noch lange eine Versuchung. In den Spielen lernte er schnell neue Freunde kennen. Das Spiel entführte ihn für Stunden aus der realen Welt. Da die Mutter berufstätig war, war es schwierig, ihn an die Einhaltung der Regeln zu erinnern. Doch die Gespräche in der Therapie und die Regeln, die dort gemeinsam erarbeitet wurden, halfen Marlo dabei, das Leben wieder mehr offline zu genießen. Insgesamt kam Marlo rund 50 Mal zur Psychotherapeutin Cornelia Metge. Am Ende verringerte sich der Rhythmus der Treffen von einmal in der Woche auf einmal im Monat. Der Abschied auf Raten machte es möglich, immer noch einmal Situationen zu besprechen, die schwierig gewesen waren. »Die aktuellen Probleme sind jetzt nicht mehr so drängend«, berichtet die Mutter. »Wenn Marlo jetzt noch einmal alles über den Kopf wächst, greift er zu seiner ‚Schatztruhe‘. Darin sind all die guten Erinnerungen aus den vergangenen Jahren: Fotos, gesammelte Steine, Urlaubserinnerungen und ‚Trickkarten‘, mit den Merksätzen, die er in der Psychotherapie erlernt hat.«