Kein Mensch, nirgends.

Ich komme aus einer Familie, die von einer sexualisierten und grenzverletzenden Atmosphäre geprägt war, was aber die Erwachsenen für »völlig normal« zu halten schienen. Da ich noch sehr klein war, als es begann, erinnere ich mich bis heute nur sehr bruchstückhaft beispielsweise daran, wie ich mit meinem Vater in der Badewanne war und mit seinem Penis »spielte«, meine Mutter stand währenddessen kurz in der Tür. Eine andere Szene ist, wie ich auf dem Schoss meines Vaters saß, er mich festhielt und sich an meinem Körper sexuell stimulierte. Es gab viele andere Belastungen, große Probleme in der Ehe meiner Eltern und darüber hinausgehende Gewalterfahrungen. Ich verstand früh, dass ich auf mich allein gestellt bin, und spürte, dass etwas ganz Wesentliches in meiner Familie nicht stimmte. Meiner Vermutung nach endete der Missbrauch als ich eine reife Teenagerin wurde. 

Dass aufgrund der erlebten Gewalt auch mit mir etwas nicht in Ordnung war und es mir schlecht ging, habe ich meine weitere Kindheit und Jugend hindurch nicht wirklich begreifen können. Ich entwickelte mich einerseits zu einer verhaltensauffälligen Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die viel feierte und ihren Schmerz mit Alkohol zu betäuben versuchte. Immer wieder gab es Phasen, in denen ich mich »runterhungerte« und extrem viel Sport trieb. Nach heftigen Leistungseinbrüchen wurde mein schulischer Ehrgeiz ebenso ausgeprägt wie mein risikosuchendes und auch im Umgang mit Männern selbstgefährdendes Verhalten. Andererseits entwickelte ich chronische Rücken- und Bauchschmerzen und eine durchgängige Erschöpfung. Ich war in ständiger »Hab-Acht«-Stellung, sehr angespannt, aggressiv-impulsiv wie auch schreckhaft. Das Gefühl von tiefer Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit war ein ständiger Begleiter, sodass ich phasenweise schon als Kind den Wunsch hatte, nicht mehr zu leben, und später in einer Krise als junge Erwachsene versuchte, mir das Leben zu nehmen. 

Erst mit meinem Auszug von Zuhause konnte sich mein Verstehen und meine Sichtweise immer mehr verändern. Bis dahin hatte ich die Geschehnisse verdrängt oder an meiner Wahrnehmung gezweifelt.

Ich frage mich bis heute, wieso von außen niemand, also andere Erwachsene, etwas zu bemerken schienen und eingriffen. Als Kind habe ich mir sehr gewünscht, dass jemand nachfragt und hilft. 

Auch nachdem ich als Volljährige begann, meiner besten Freundin gegenüber etwas anzudeuten und mich immer mehr anzuvertrauen, brauchte ich noch Zeit, bis ich selbst verstand, dass ich Hilfe benötigte und mir diese tatsächlich suchen musste. Meine erste Psychotherapeutin konnte mir zwar helfen, aber meine Traumatisierungen damals nicht erkennen. Rückblickend war es ein sehr langer Weg, bis ich schließlich als Erwachsene die zutreffende Diagnose gestellt bekam und eine traumatherapeutische Behandlung finden konnte. Mein Wendepunkt war die Empfehlung einer engen Freundin, mich in einer bestimmten psychosomatischen Klinik mit einem solchen Behandlungsschwerpunkt aufnehmen zu lassen. 

Heute fällt es mir nicht mehr so schwer, über meine Missbrauchserfahrungen zu sprechen. Allerdings kann es sich immer noch so anfühlen, als ob ich von mir als einer Fremden und deren Geschichte erzähle. Es gibt immer wieder Phasen, in denen mich das Vergangene und seine Folgen einholen und neue Erinnerungsfetzen dazukommen. Dann können eine erneute psychotherapeutische Behandlung und manchmal zeitweilige Medikation notwendig sein. Da ich bis heute unter chronischen Schmerzen leide und weiß, dass es ein Körpergedächtnis gibt, profitiere ich sehr von körpertherapeutischen Behandlungsmöglichkeiten. Nach vielen Jahren oft auch harter Arbeit an mir selbst und intensiver Psychotherapie entwickelt sich mein Leben immer mehr zu einem beglückenden und unabhängigen. Ich arbeite in meinem Wunschberuf und lebe seit einigen Jahren in einer tragfähigen Partnerschaft. Es ist wichtig, dafür zu sorgen, dass es mir gut gehen und ich positive und für mich bedeutsame Dinge tun kann. Ich habe gelernt, die Gewalterfahrungen als einen Teil meiner Lebensgeschichte anzunehmen und mit den »inneren Schatten der Vergangenheit« und der Trauer darüber, dass es war, wie es war, einen bestmöglichen Umgang zu finden. Es ist ein tröstlicher Gedanke, dass ich aufgrund genau dieser meiner Lebensgeschichte bestimmte Fähigkeiten besonders ausgeprägt entwickeln konnte. Vielleicht kann ich in meiner Arbeit deshalb so einfühlsam, respektvoll und mit viel Herzblut für die Menschen da sein, die heute meine Hilfe suchen und denen ich helfen darf.