Kinderwunsch trotz psychischer Vorerkrankung?

Ein Kind war ihr großer »Herzenswunsch«: Für ein Kind zu sorgen, seine Nähe zu spüren, es groß werden zu sehen und gemeinsam mit ihrem Mann für es da zu sein. Doch über diesen Gedanken an die Zukunft lag ein Schatten: ihre psychische Erkrankung. Zwischen ihrem 20. und 30. Lebensjahr war sie dreimal in einem psychiatrischen Krankenhaus wegen einer depressiven Erkrankung behandelt worden. Bei ihrer letzten Behandlung hatte es sehr lange gedauert, bis sie aus dem Tief wieder herausgefunden hatte. »Das wird nie besser«, hatte sie schon gedacht und alle Hoffnung aufgegeben. Schließlich fand sie jedoch einen Weg aus der depressiven Phase.

Das Leben ging seitdem wieder seinen normalen Gang. Sie fühlte sich psychisch stabil. Doch jetzt ihr Kinderwunsch. Konnte das gut gehen? Ein Kind groß ziehen mit einer psychischen Vorerkrankung. Drohte nicht vielleicht im Wochenbett eine neue depressive Phase? War die Kindererziehung nicht eine zu große Herausforderung angesichts ihrer psychischen Verletzbarkeit. Ein erster wichtiger Schritt war, sich professionell beraten zu lassen. Bastian S. (Name geändert), Leiter der städtischen Familienberatung, war von Anfang an beeindruckt von der Umsicht und Vorsorge von Dagmar D. (Name geändert). Er ermutigte sie. Mit ausreichend Beratung und Unterstützung. Warum sollte nicht auch eine Frau mit einer psychischen Vorerkrankung Mutter werden können? Er empfahl Dagmar D. eine Psychotherapie und dem Paar gemeinsam begleitende Gespräche in der Familienberatung. Gleich beim zweiten Gespräch erschien das Paar gemeinsam, um zusammen schon die Zeit der Schwangerschaft zu planen. Ihr Partner Gerhard D. (Name geändert) verlor schnell die Scheu, mit einem fremden Menschen über so private Probleme zu sprechen, weil er »das Gefühl hatte, vor ihm sitzt ein Mensch mit Erfahrung«.

Dagmar D. bedrängten Fragen wie »Schaffe ich das?« oder »Werde ich der Verantwortung gerecht?«. Psychotherapeut Bastian S. nahm mit dem Paar mögliche künftige »Soll-Bruchstellen« in den Blick: »Wie entwickelt sich das Paar zur Familie?«, »Wie lassen sich die Übergänge zur Kita und zur erneuten Berufstätigkeit gestalten?« und vor allem »Wie kann die Familie immer wieder die Lösungen finden, die zu ihr passen?« Im ersten Jahr der fünfjährigen Beratung vereinbarte das Paar nur zwei Termine. Die Vorfreude und die Planung der gemeinsamen Zukunft trugen beide von ganz allein. Mit der Schwangerschaft und im ersten Lebensjahr des Kindes kamen die beiden dann etwa einmal im Monat in die Familienberatung.

Das Stillen des Kindes, die schlaflosen Nächte, die Veränderungen in der Partnerschaft, ein Wechsel der Hebamme – das alles waren Themen, bei denen das Paar Rat suchte, bevor ihm die Probleme über den Kopf wuchsen.

Oder wie es Dagmar D. ausdrückte »nicht erst, wenn es zu spät ist und alles schon auseinanderbricht«. 

»Aus den Gesprächen gingen wir immer erleichtert und entspannt heraus«, berichtet Gerhard D. Danach bekamen sie »wieder mehr Luft« und nahmen sich mehr Zeit, sich auf die Veränderungen einzustellen und Lösungen für Probleme zu finden. »Ihre Sorgen seien ernst genommen worden«, erinnert sich Dagmar D. Das habe sie entlastet und sicherer gemacht. Beide empfanden sich durch die Ratschläge »nicht bevormundet«, die Empfehlungen des Psychotherapeuten seien »feinfühlig und gut platziert« gewesen, es sei immer wieder gelungen, die Probleme und Konflikte »im Gespräch zu lösen«. Der Therapeut habe sich nie auf eine Seite geschlagen.

Für Dagmar D. ging es immer wieder um die Frage »Was ist eine gute Mutter?«. Darüber habe sie sich viele Gedanken gemacht, die sie auch sehr verunsichert hätten. Sie habe unter großem Druck gestanden, alles richtig zu machen. Der Psychotherapeut habe sie vor allem in ihrem Kinderwunsch bestärkt, sei aber auch auf ihre Sorgen eingegangen. Sie selbst habe lernen müssen, auch für sich selbst zu sorgen, sich mit Problemen Zeit zu lassen und Lösungen auszuprobieren. Auch ihr Partner betont, wie individuell die Beratung gewesen sei und dass neben der Liebe zum Kind auch die Liebe zu sich selbst ihren Platz brauche. Der Therapeut sei sehr »fehlerfreundlich« gewesen, man habe auch mal einen schlechten Tag haben dürfen. Er habe keine Dogmen verkündet. 

»Das erste Jahr war besonders herausfordernd«, berichtet Dagmar D. 24 Stunden mit dem Kind zusammen zu sein, es zu stillen und zu beschützen, »weil es doch so verletzlich war«. Für Bastian S. ging es immer wieder darum, insbesondere die Unsicherheit der Mutter mit dem Kind auszubalancieren. Dafür sei die Tochter als Säugling auch mit in der Sprechstunde gewesen, um mit den Eltern gemeinsam zu überlegen, was das Kind gerade signalisiert. Dabei sei es auch darum gegangen, »dem Kind eine Stimme zu geben«. Inzwischen sei das Band etwas lockerer geworden. Ihre Tochter ist vier Jahre alt und geht längst in die Kita. Nun stehen noch Gespräche mit den Großeltern an, die die Enkelin mit Süßigkeiten und Medienkonsum zu sehr verwöhnen. Beide Eltern überlegen, wie sie das Thema ansprechen und Oma und Opa Grenzen setzen können, ohne dass sie sich angegriffen fühlen. Der Psychotherapeut hat vorgeschlagen, die Oma, die sich »schnell wie eine Löwin verteidigt« (Gerhard D.), in die Familienberatung mitzubringen. 

Inzwischen sieht der Psychotherapeut die Familie nur noch in größeren Abständen. Dagmar und Gerhard D. haben ein Haus gekauft und sind dafür auf die Einkommen beider angewiesen. Der Druck, dass im Familienleben alles rund läuft, hat also noch zugenommen.

Während der Schwangerschaft hatte Dagmar D. bereits eine Psychotherapie begonnen, in der sie lernte, ihre psychische Verletzbarkeit besser einzuschätzen und sich nicht zu übernehmen. Bis heute ist es nicht zu einer erneuten depressiven Phase gekommen.